Putin der „Geschichtsvollzieher“? – Eine Unterrichtseinheit zu Putins Geschichtsbild

Putin der „Geschichtsvollzieher“? – Eine Unterrichtseinheit zu Putins Geschichtsbild

Seit letzter Woche tobt ein russischer Angriffskrieg in der Ukraine. Neben dem Leid, das der Krieg vor allem für die ukrainische Bevölkerung mit sich bringt, wird dieser Krieg von gezielter Desinformation und Fake-News durch vor allem russische Medien begleitet. Das kürzlich verabschiedete „Anti-Fake-Gesetz“ unterstreicht, dass es sich auch um einen Informationskrieg handelt.[1] Dieser Informationskrieg wird u.a. durch das historische Narrativ des russischen Präsidenten Putin geprägt, das als eine gewichtige Säule dient, den Angriff auf die Ukraine zu rechtfertigen.[2] Vollkommen zu Recht wird dieses Geschichtsbild dekonstruiert, widerlegt und abgelehnt.[3]

Aus meiner Sicht ist es wichtig, sich auch mit dieser Facette des komplexen Geschehens zu befassen – auch im Geschichtsunterricht. Im Folgenden möchte ich eine Stunde zu diesem Thema näher vorstellen. Alle Materialien, die ich verwendet habe, verlinke ich im Text. Am Ende stelle ich noch eine Linksammlung zu aus meiner Sicht wertvollen Materialien zur Verfügung.

Vorweg möchte ich noch klarstellen, dass ich den russischen Krieg aufs Schärfste verurteile und meine uneingeschränkte Solidarität der ukrainischen Bevölkerung gilt. Denn eines steht fest: Geschichte liefert nie eine Legitimation für Krieg!

Didaktisch-methodische Vorüberlegungen

Sich mit diesem Thema im Unterricht auseinanderzusetzen ist notwendig, aber auch nicht einfach. Ich habe sehr lange überlegt, wie eine Stunde aussehen könnte, die dezidiert auch eine Geschichtsstunde ist. Die hier vorgestellte Unterrichtseinheit thematisiert deshalb vorrangig den Aspekt Geschichtspolitik und wie Geschichte missbraucht wird, um einen Krieg zu rechtfertigen. Es gibt eine Vielzahl anderer Aspekte, die es zu berücksichtigen gilt, dessen bin ich mir bewusst. Deshalb erhebe ich keinen Anspruch darauf, dass dieses der eine, richtige Weg ist. Gerne kann mir Feedback über das Kontaktformular oder bei Instagram gegeben werden. Ich freue mich auch über Anregungen!

Von Anfang an war mir klar, dass es sich um eine besonders kommunikative Stunde handeln muss, in der die Schüler*innen viel Gelegenheit bekommen zu diskutieren und sich auszutauschen. Denn eine solche komplexe Thematik erschließt sich besser im Dialog. Deshalb ist die Stunde so angelegt, dass ich als Lehrkraft nur Impulse setze und vorrangig moderiere. Ihr werdet sehen, dass die Unterrichtseinheit deshalb viele Methoden- und Sozialformwechsel hat.

Das Ziel der Stunde soll sein, dass die Schüler*innen Putins Geschichtsbild kritisch hinterfragen und abschließend bewerten. Hierdurch erhoffe ich mir nicht nur, dass die Lernenden ein tieferes Verständnis bekommen, wie Geschichte in diesem Fall politisch missbraucht wird. Sondern es werden natürlich auch zentrale Kompetenzbereiche wie Sach-, Handlungs- und Urteilskompetenz geschult.

Mehr denn je gilt es bei der Materialauswahl die Multiperspektivität zu beachten. Ich habe mich bemüht, unterschiedliche Materialien und Stimmen in der Stunde einzusetzen, ohne dabei die Schüler*innen zu überfrachten und vor allem zu überfordern.

Der Einstieg und Problematisierung

Als Einstieg habe ich ein Zitat aus Putins Artikel „Über die historische Einheit von Russen und Ukrainern“ ausgewählt, das den ersten Impuls setzt und schon auf die Stundenthematik hinweist.: Russians, Ukrainians, and Belarusians are all descendants of Ancient Rus, which was the largest state in Europe.“[4] Anschließend wird dieses Zitat mit einem Screenshot einer Tagesschaumeldung („Russland hat den Krieg begonnen“) kontrastiert.  Hieraus ergibt sich die Frage, inwiefern die Narration, die dem Zitat immanent ist, zum Kriegsausbruch führen kann. Als Leitfrage der Stunde ergibt sich dann: Wie ist Putins Geschichtsbild in Bezug auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine zu bewerten?

Die Erarbeitungsphasen

In der nächsten Phase muss zunächst Hintergrundwissen erarbeitet werden. Hier habe ich mich für das aus meiner Sicht sehr gelungene Video „Wem gehört die Ukraine“ von Mr.Wissen2Go entschieden. In der Stunde habe ich das Video bis zur Minute 9:40 gezeigt. Die Schüler*innen bekamen den Arbeitsauftrag, sich Notizen zu machen, um im Anschluss über die Ukrainische Geschichte Auskunft geben zu können. In einem Leistungskurs ist es möglich einen so offenen Arbeitsauftrag zu stellen. In der Sekundarstufe I sollten sicher Kriterien und/oder eine Tabelle vorbereitet werden, damit die Lernenden dem Video gezielt Informationen entnehmen können.

Nachdem die Schüler*inenn das Video gesehen haben, geht es in eine kurze Murmelphase, in der sie sich über das Gesehene austauschen und Fragen formulieren und evtl. auch klären. Hieran schließt sich die Austauschphase im Plenum an. Ich habe an dieser Stelle das Unterrichtsgespräch etwas gelenkt, damit die Leitfrage im Blick bleibt. Wichtig ist, dass die Schüler*innen verstehen, was es mit der Kiewer Rus auf sich hat und verstehen, dass es auch vor der Sowjetzeit einen unabhängigen, ukrainischen Staat gegeben hat.

Im Anschluss an diese Gesprächsphase ging es in die Analyse zweier Texte: Zum einen ein Auszug aus Michael Thumanns ZEIT-Artikel „Wladimir Putin – Der Geschichtsvollzieher“ und zum anderen einen Auszug aus einem Tagesschau-Interview mit Ulrich Schmid. In beiden Texten wird das Geschichtsbild Putins diskutiert und dekonstruiert. Die Erarbeitungsphase habe ich als Partner-Puzzle organisiert. Denn wie oben angesprochen, ist es aus meiner Sicht wichtig, dass die Schüler*innen in dieser Stunde sich häufig untereinander austauschen. Die genauen Arbeitsaufträge lauten:

  1. Wählt zu zweit aus, wer welchen Text bearbeitet (M1 oder M2).
  2. Arbeitet die im Text genannten historischen Bezüge Putins heraus, die aus seiner Sicht den Angriffskrieg auf die Ukraine rechtfertigen.
  3. Überprüft anhand der Aussagen im Text, inwiefern laut Michael Thumann (bzw. Ulrich Schmid) diese Argumente tragfähig sind.
  4. Tausche deine Ergebnisse mit einer Person aus, die den gleichen Text bearbeitet hat. Ergänzen bzw. korrigiert die Ausarbeitungen.
  5. Tausche deine Ergebnisse mit deinem ursprünglichen Partner (unterschiedliche Texte) aus.

Die Zwischensicherung und Anbahnung der Bewertung

In dieser Phase stellen die Schüler*innen ihre Ergebnisse vor. Die Ergebnisse sollten über ein beliebiges Medium gesichert werden, ich habe hier auf die Tafel zurückgegriffen. Bei der Auswertung bietet es sich an, die Aufgaben 2 und 3 nacheinander zu besprechen, so können auf der einen Seite Putins historische Bezüge festgehalten und die Aussagen Thumanns und Schmids diesen gegenüber gestellt werden. Über folgende drei Aspekte sollte in jedem Fall gesprochen werden: 1) Kiewer Rus 2)Ukrainische Nationalstaatsbildung und 3) Nato-Osterweiterung und Geschichte nach 1990.

Im Anschluss an die Zwischensicherung charakterisieren die Schüler*innen das herausgearbeitete Geschichtsbild. Ich habe hier bewusst darauf verzichtet Kriterien vorzugeben oder vorher genau zu antizipieren, um den Überlegungen der Schüler*innen möglichst großen Raum bieten zu können. Ich habe die Äußerungen verschlagwortet und an der Tafel festgehalten, damit auf diese in der Bewertung zurückgegriffen werden kann. Folgende Aspekte haben die Schüler*innen in der Stunde entwickelt: revisionistisch, imperialistisch, nationalistisch und ideologisch.

Stundenabschluss: Die Bewertung

In der letzten Phase bewerten die Schüler*innen das Geschichtsbild, indem sie die Leitfrage beantworten. Zuvor bekommen die Schüler*innen eine Definition des Begriffes „Geschichtspolitik“ präsentiert:

„Der Begriff „Geschichtspolitik“ beschreibt ein Handlungsfeld, in dem zivilgesellschaftliche und politische Akteur*innen Geschichte für ihre Interessen nutzen. Ihr politisches Handeln beruft sich dabei auf historische Argumente und versucht, Deutung und Repräsentation von Vergangenheit zu beeinflussen. […] Neben der historischen Legitimation des eigenen Handelns dient dies oftmals der Bildung von Traditionen und kollektiven Identitäten. […]“[5]

Diese Definition haben wir kurz im Plenum besprochen, damit der ganze Kurs sie versteht. Anschließend bekamen die Lernenden den letzten Arbeitsauftrag in dieser Stunde:

Bewerte das Geschichtsbild Putins, indem du die Leitfrage in Form eines kurzen Statements beantwortest. Beziehe neben euren Arbeitsergebnissen auch die Definition von „Geschichtspolitik“ mit in deine Überlegungen ein.

Diesen Arbeitsauftrag kann man sicher noch modifizieren, indem man z.B. einen Zeitungskommentar einfordert o.ä. Ich habe mich an dieser Stelle aber für ein mündliches Statement entschieden, was vor allem der Abitur-Situation geschuldet ist, sodass ich in diesem Fall keine umfangreiche Hausaufgabe stellen wollte.

Was haben die Schüler*innen geäußert? Sie äußerten z.B., dass das Geschichtsbild Putins mit all seinen Folgen völkerrechtswidrig sei (weil er der Ukraine historisch legitimiert die Souveränität und das Existenzrecht abspräche)  und klar gegen unseren durch das Grundgesetz formulierten Werte-Kodex verstieße. Eine Schülerin äußerte auch nochmal ganz klar: Geschichte rechtfertigt niemals einen Krieg.

Abschließende Reflexion der Stunde

Das Vorhaben über das Geschichtsbild Putins mit Schüler*innen über den Ukraine-Krieg ins Gespräch zu kommen, ist ein sehr komplexes Unterfangen, was der Stundenverlauf auch zeigt. Gleichzeitig ist diese Stunde für die Schüler*innen sehr anspruchsvoll und so sicher eher in der Q2 umsetzbar. Denn um in dieser Stunde gut mitarbeiten zu können, muss einiges an Vorwissen – sowohl auf der Sach- als auch Methodenebene – vorhanden sein.

Insgesamt betrachtet funktioniert die Stunde aber gut. Man sollte in jedem Falle mind. eine Doppelstunde hierfür einplanen, was ich aber in Anbetracht der momentanen Situation mehr als angemessen finde. Außerdem stelle ich fest, dass dieses Vorgehen ein geeigneter Weg ist, mit Schüler*innen (in der Oberstufe) ins Gespräch über diesen Krieg zu kommen.

Wie ich eingangs erwähnte, freue ich mich über Feedback und Anmerkungen!

Link-Sammlung:

Verlaufsplan zur Stunde

https://www.flimmo.de/redtext/101380/Krieg-in-Europa

https://www.taskcards.de/#/board/77ea0e8e-e0ed-416d-b2e0-848beb76c901/view

https://www.westermann.de/anlage/4644377/Krieg-zum-Schutz-der-Menschen-Putins-Rechtfertigungsstrategie-Ethik-Politik-ab-Klasse-10

https://www.westermann.de/anlage/4644342/Nachgefragt-Warum-gibt-es-Krieg-in-der-Ukraine-Erdkunde-Politik-ab-Klasse-5

https://www.westermann.de/anlage/4644288/Russen-und-Ukrainer-ein-Volk-Geschichte-Politik-ab-Klasse-10


[1] https://www.tagesschau.de/ausland/russland-gesetz-fakenews-strafen-101.html (abgerufen am 06.03.2022)

[2] Zu Putins Geschichtsbild finden sich hier ausführliche Informationen:
https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/ukraine-russland-kiewer-rus-putins-blick-auf-die-geschichte

https://www.cicero.de/aussenpolitik/im-krieg-mit-dem-westen-wladimir-putins-geschichts-und-weltbild

(beide abgerufen am 06.03.2022)

[3] Z.B. in dieser guten Analyse und Bewertung von Ulrich Schmidt: https://www.tagesschau.de/ausland/europa/russland-nationalismus-101.html  (abgerufen am 06.03.2022)

[4] Mittlerweile ist der Artikel auf der Seite des Kremls nicht mehr abrufbar. Es liegen aber Übersetzungen vor. Ich selbst habe dieses Zitat vor einiger Zeit von der Homepage des Kremls kopiert. Der Artikel war unter folgenden Link zu erreichen: http://en.kremlin.ru/events/president/news/66181

[5] Aus: Geschichtsdidaktische Grundbegriffe, Hannover 2020, S. 52.

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