#KIBedenken – Nachdenken über Künstliche Intelligenz im (Geschichts-)Unterricht

#KIBedenken – Nachdenken über Künstliche Intelligenz im (Geschichts-)Unterricht

Chatte mit Sophie Scholl1, um ihre Sicht der Dinge zu erfahren. Tauche ein in das Berlin des 18. Jahrhunderts mit einem KI-generierten Bild. KI liefert uns Geschichte „wie sie wirklich war“ (sic!) auf Knopfdruck. All das und noch viel mehr ist mit KI möglich. Doch wie sinnvoll sind solche Angebote aka Tools aus didaktischer Sicht wirklich und was gilt es beim Einsatz von KI im Unterricht zu beachten? Darüber habe ich mir im Rahmen der Blogparade #KIBedenken von Joscha Falck und Nele Hirsch aus einer eher geschichtsdidaktischen Perspektive Gedanken gemacht.

Ausgangslage

Die Landschaft der generativen KI-Tools wächst täglich. Es gibt eine riesige Auswahl an unterschiedlichen Werkzeugen, die versprechen, das Lehren und Lernen zu unterstützen, zu verändern, zu erleichtern oder gar zu revolutionieren. Natürlich birgt KI viele Chancen und bietet uns die Möglichkeit, das Lernen und Lehren weiterzuentwickeln. Ich selbst finde es super spannend, mich mit den verschiedenen Werkzeugen und Möglichkeiten auseinanderzusetzen. Doch nach dieser anfänglichen Euphorie und Neugierde kommen nun auch einige #KIBedenken hinzu.

Von Anfang an gab und gibt es sehr kritische, teilweise sogar kulturpessimistische Stimmen gegenüber KI, die insbesondere auf Lernprodukte wie Klausuren, Hausarbeiten oder ähnliches abzielen, die plötzlich wertlos würden, wenn KI sie erstellen kann.  Damit würde eine weitere Entwertung der Bildung einhergehen. Aber auch die Geschwindigkeit der Entwicklung ruft Kritiker*innen auf den Plan – nicht zu unrecht.

Es ist jedoch weder sinnvoll, jedes KI-Tool zu bejubeln und unreflektiert in die Lehre integrieren zu wollen, noch ist es zielführend, darüber zu klagen, dass hochgradig reproduktive Prüfungsformen nun sinnlos seien. Dahinter verbirgt sich letztlich eine ähnliche Frage: Wie wollen wir das Lernen in der digitalen Welt organisieren?

Digitale Tools und Lehren und Lernen in der digitalen Welt?

Der Einsatz und die Thematisierung von Medien im Unterricht war und ist kein Selbstzweck. Vor jedem Medieneinsatz im Unterricht ist aus didaktischer Sicht abzuwägen, ob der Einsatz sinnvoll ist. In jedem Fall ist der mündige, kritische und zur gesellschaftlichen Teilhabe befähigte Mensch im Blick zu behalten – wie es im Übrigen auch der Deutsche Ethikrat2 empfiehlt. An diesem grundsätzlichen Menschenbild und Bildungsziel ändert sich auch durch den Einsatz von KI nichts.

Ein Blick auf Medienkompetenz-Modelle wie den Medienkompetenzrahmen (MKR) NRW zeigt, worauf es ankommt: Es geht nicht nur um die bloße Anwendung und den bloßen Gebrauch von Tools und Anwendungen. Es geht auch um Produktion, Kritik, Problemlösung, Reflexion etc. oder anders ausgedrückt: Der Prozess des Lernens steht im Vordergrund. Genau das ist aus meiner Sicht die zentrale Frage: Wie kann KI helfen, den Lernprozess zu verbessern?

Geschichte als Ko-Konstruktion von Mensch-Maschine

Mit exemplarischen Blick auf den Geschichtsunterricht möchte ich das aus meiner Sicht sehr brauchbare Modell von Hannes Burkhardt und Anja Neubert3 aufgreifen. Sie stellen ein Modell vor, das die Prozesshaftigkeit historischen Lernens in den Mittelpunkt stellt. Mit Blick auf textgenerierende KI wie ChatGPT gehen sie von einer Ko-Konstruktion von Mensch und Maschine aus, die eben aus der Synthese von historischen Fragen an die KI und der Analyse der von der KI konstruierten Narrationen besteht, die dann wieder zu einer vertieften Synthese von historischen Fragen führt.

Übertragen auf das obige Beispiel („Chatten mit Sophie Scholl“) stünde dann nicht das von der KI (re-)produzierte Geschichtsbild im Zentrum, sondern eben der Prozess des historischen Fragens. Zentral wäre dann gerade die Dekonstruktion der durch KI generierten Erzählung: Quellenbezug oder historische Plausibilität wären hier Kategorien der Wahl. In diesem Sinne können auch die eingangs skizzierten Gadgets historisches Lernen nachhaltig unterstützen.  Ähnliche Vorschläge macht Oliver Held in seinem jüngst erschienenen Band „ChatGPT im Geschichtsunterricht“. Auch er liefert Beispiele, in denen es z.B. um die Überprüfung der historischen Plausibilität von KI-generierten Darstellungen geht.

Ein derart reflektierter Einsatz von KI im Geschichtsunterricht birgt aus meiner Sicht die Chance, den historischen Lernprozess weiterzuentwickeln und auch zu optimieren. Darüber hinaus unterstützt ein solcher Einsatz gerade auch den verantwortungsvollen und kritischen Umgang mit KI.

Veränderung der Prüfungskultur

Diese Prozesshaftigkeit des (historischen) Lernens sollte sich mit Blick auf die KI aber eben nicht nur auf den Unterrichtsprozess beschränken. Vielmehr muss sich die Prüfungskultur zwingend dahingehend erweitern, dass „prozessorientierte Prüfungsformate an Bedeutung gewinnen“4 könnten, wie die SWK in ihrem Impulspapier zum Einsatz von LLM in der Lehre betont.  Das ist natürlich keine neue Forderung, aber das Aufkommen von KI-Tools unterstreicht die Notwendigkeit noch einmal.

Lernen über KI: Digitale Ethik im Unterricht

Bei der ganzen KI-Toolifizierung bleibt aus meiner Sicht aber ein ganz wesentlicher Teil auf der Strecke. Neben den grundsätzlichen Funktionsweisen von (generativer) KI, dem zielgerichteten Einsatz dieser, muss im Unterricht dringend auch über ethische Aspekte gesprochen werden: Wie wird KI trainiert und vor allem wer tut dies unter welchen Bedingungen? Wie gehen wir  z.B. mit rassistischen und sexistischen Verzerrungen um? Welche Auswirkungen hat KI auf die Gesellschaft insgesamt?

Darüber hinaus müssen auch Aspekte des Datenschutzes und der Datensouveränität eine Rolle spielen – sowohl beim Lernen über KI als auch beim Lernen mit und durch KI. Ich denke hier z.B. an den perspektivischen Einsatz von KI als „Classroom Analytics“ im Unterricht, insbesondere wenn es um die Erfassung von Aufmerksamkeit („Attention Monitoring“) oder Emotionen („Affect Recognition“) geht. Damit einher geht der mehrfach geäußerte Wunsch nach einer Demokratisierung von (generativen) KI-Systemen – aus technischer Sicht leider wohl eher eine wünschenswerte Utopie.

Diese Aspekte kommen meines Erachtens in der Diskussion um KI insgesamt zu kurz – auch wenn sie z.B. im Handlungsleitfaden des MSB NRW in Ansätzen bereits berücksichtigt werden.

Was bleibt?

Wir sind gut beraten, uns wieder auf die grundlegenden Fragen zu konzentrieren, um KI-gestütztes Lehren und Lernen auf verschiedenen Ebenen reflektiert und zielgerichtet einzusetzen.

Die Blogparade ist dafür ein guter Auftakt. Die Papiere z.B. der SWK oder des Deutschen Ethikrates geben gute und differenzierte Hinweise auf Chancen und Herausforderungen von KI in der Bildung. Die Diskussion muss aber auch in den Fachdidaktiken stattfinden, um KI sinnvoll und reflektiert in den jeweiligen Lernprozess zu integrieren. Dabei dürfen wir auf keinen Fall die ethischen Fragestellungen aus dem Blick verlieren.

Darüber hinaus hat dieser kurze Abriss hoffentlich die Komplexität des Themas verdeutlicht. Ich schließe daraus, dass wir zum einen (fach-)didaktische Forschung brauchen, die vor allem auch die Wirksamkeit des KI-Einsatzes untersucht, und zum anderen vor allem auch Fortbildungen für uns Lehrkräfte, die über das bloße Prompting hinausgehen müssen. Dafür müssen zeitliche und finanzielle Ressourcen zur Verfügung gestellt werden.

Um KI im Unterricht überhaupt erproben und ausprobieren zu können, brauchen wir schnell und flächendeckend Zugang zu datenschutzkonformen KI-Systemen. Die aktuelle Situation, dass der Zugang vom Budget der einzelnen Schule abhängt, ist sicher nicht zielführend.

Auch wenn es viele #KIBedenken gibt, müssen wir mutig bleiben: Wir müssen neugierig bleiben, ausprobieren und uns auch bewusst sein, dass wir an manchen Stellen scheitern werden und das erste Konzept vielleicht nicht der richtige Weg war. Ich denke, dass wir nur mit einer gelebten Fehlerkultur den Herausforderungen, die uns #KIBedenken stellt, gerecht werden können.

  1. Diese Möglichkeit bietet z.B. Fobizz unter seinen KI-Tools an: https://tools.fobizz.com/ai/personas ↩︎
  2. „Oberstes Ziel von Bildung ist es, den Menschen zu einer mündigen und freien, das heißt einer zur Verantwortung fähigen Person heranzubilden. Bildungsbegriffe und -konzepte sind zwar immer auch vom jeweiligen Kulturkreis abhängig, insofern die Sicht auf den Menschen, seine Sozialität und damit die Verhältnisbestimmung von Individuum und Gesellschaft auch das Verständnis von Bildung prägt. Die folgenden Überlegungen gehen davon aus, dass Bildung sich an einem Verständnis des humanum orientiert, das auf eine umfassende Persönlichkeitsbildung zielt, die auf Urteilsfähigkeit und verantwortliche Teilhabe an der Gesellschaft angelegt ist“, Mensch und Maschine. Herausforderungen durch Künstliche Intelligenz, S. 212. ↩︎
  3. Historisches Lernen mit Künstlicher Intelligenz? Überlegungen und Anregungen zum Umgang mit generativen Sprachmodellen wie ChatGPT im Geschichtsunterricht, in: geschichte für heute.
    zeitschrift für historisch-politische bildung 17 (2024)
    , S. 71-86. ↩︎
  4. Large Language Models und ihre Potenziale im Bildungssystem. Impulspapier der SWK. Januar 2024, S. 16. ↩︎

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